Lektion 2.1
Anatomie des Impulses & Wellenpersönlichkeit
5-3-5-3-5, die harten Regeln und die Stimmungssignatur jeder Welle
Kurz gesagt: Ein Impuls besteht aus 21 kleineren Wellen im Muster 5-3-5-3-5. Jede
der fünf Wellen hat eine wiederkehrende Stimmungs-Signatur — daran erkennst du
sie oft schon, während sie läuft. Prüfe immer beides: die Struktur und die
Persönlichkeit.
Die innere Bauordnung
Motive-Wellen kommen in zwei Bauformen vor: als Impuls (der weitaus häufigere Fall — Thema dieser Lektion) und als Diagonale (Lektion 2.3). Der Impuls ist innen so gebaut:
- Wellen 1, 3, 5 sind Aktionswellen — sie laufen in Trendrichtung und unterteilen sich selbst in Fünfen.
- Wellen 2, 4 sind Reaktionswellen — sie laufen dagegen und unterteilen sich in Dreien.
Kurzform: 5-3-5-3-5. Ein vollständiger Impuls besteht damit aus 5 + 3 + 5 + 3 + 5 = 21 Wellen der nächstniedrigeren Ebene. Eine Ebene tiefer sind es 89. Diese Zahlen sind kein Zufall — du kennst 2 → 8 → 34 aus Modul 1.5, und in Lektion 2.5 wird daraus ein Werkzeug.
Die Kontrollfrage, die dich durch den ganzen Lernpfad begleitet
Hältst du auf dem H4 eine Bewegung für Welle 3, dann muss sie sich auf dem M15 in fünf Teilwellen auflösen lassen. Tut sie das nicht, sondern zeigt eine klare Drei, ist deine Beschriftung mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch — die Bewegung ist dann eher eine Welle B, eine Welle X oder Teil einer Korrektur.
Die Regeln in ihrer präzisen Fassung
1. Welle 2 korrigiert weniger als 100 % von Welle 1. 2. Welle 4 korrigiert weniger als 100 % von Welle 3. 3. Welle 3 läuft immer über das Ende von Welle 1 hinaus. 4. Welle 3 ist nie die kürzeste der drei Aktionswellen 1, 3 und 5. 5. Speziell für den Impuls: Welle 4 dringt nicht in das Kursterritorium von Welle 1 ein. Zu Punkt 4 eine Präzisierung: Die Regel ist erfüllt, sobald Welle 3 eine größere prozentuale Bewegung vollzieht als Welle 1 oder Welle 5. Auf den Zeitebenen, die du im FX handelst, ist der Unterschied zur Pip-Messung vernachlässigbar.
Zu Punkt 5 die Einschränkung für FX- und CFD-Trader: Die Overlap-Regel gilt uneingeschränkt für ungehebelte Kassamärkte. In stark gehebelten Märkten entstehen kurzfristige Kursextreme, die es im Kassamarkt nicht gäbe — dokumentiert ist aber, dass solche Überschneidungen auf Tages- und Intraday-Schwankungen beschränkt und selbst dort selten sind. Das ist kein Freibrief, sondern eine Toleranz mit Maß:
| Beobachtung | Bewertung |
|---|---|
| Overlap von wenigen Pips im M15-Bild | disqualifiziert einen sonst sauberen Count nicht |
| Overlap, der die halbe Welle 1 zurücknimmt | disqualifiziert ihn sehr wohl |

Die Wellenpersönlichkeit — was Wellenanalyse von
Mustererkennung trennt
Jede Welle im Zyklus hat eine wiederkehrende Stimmungs-Signatur: ein charakteristisches Zusammenspiel aus Marktbreite, Aktivität, Nachrichtenlage und dominierender Emotion. Wer diese Signaturen kennt, kann eine Welle oft schon identifizieren, während sie noch läuft — statt sie nachträglich zu beschriften. Und genau dort, wo mehrere Zählungen nach allen Regeln zulässig sind, entscheidet die Persönlichkeit.
Welle 1 — Unglaube, in zwei Ausprägungen
Etwa die Hälfte aller ersten Wellen ist Teil eines Bodenbildungsprozesses und wird deshalb von Welle 2 stark zurückgenommen. Die Marktteilnehmer sind noch vollständig auf den alten Trend eingestellt; es wird reichlich gegen die Bewegung positioniert. Technisch ist dieser Anstieg trotzdem konstruktiver als alle Gegenbewegungen im vorangegangenen Abwärtstrend. Die andere Hälfte entsteht aus großen Basen, gescheiterten Abwärtsbewegungen oder extremer Kompression — aus solchen Ausgangslagen sind erste Wellen dynamisch und werden nur moderat korrigiert.
| Herkunft der Welle 1 | Erwartung an Welle 2 |
|---|---|
| aus einer Bodenbildung | tiefer Rücklauf — 61,8 % und mehr |
| aus Kompression / gescheiterter Bewegung | flacher Rücklauf — 38,2 bis 50 % |
Eine Ergänzung, die im FX-Alltag Gold wert ist: Erste Wellen müssen momentumseitig nichts beweisen. Nur dritte und fünfte Wellen haben Momentum-Standards zu erfüllen. Stufe die Aussagekraft von Momentum-Indikatoren deshalb so lange herunter, bis eine vermutete dritte Welle einer dritten Welle sichtbar wird. Ausnahme: Startet Welle 1 mit einer deutlichen Divergenz zwischen Indikator und Kurs, hat der Trend sehr wahrscheinlich gedreht.
Welle 2 — Zweifel
Zweite Wellen nehmen oft so viel von Welle 1 zurück, dass der aufgelaufene Gewinn nahezu vollständig verschwindet. Die Marktteilnehmer sind gründlich davon überzeugt, dass der alte Trend zurück ist. Das entscheidende technische Merkmal: Zweite Wellen enden häufig bei sehr niedriger Aktivität und Volatilität — der Verkaufsdruck versiegt sichtbar, ohne dass der Kurs unter den Startpunkt von Welle 1 fällt.
Welle 3 — Erkenntnis
Dritte Wellen sind stark und breit, der Trend ist unverkennbar. Zunehmend günstige Fundamentaldaten treten ins Bild, während das Vertrauen zurückkehrt. Dritte Wellen erzeugen in der Regel die größte Aktivität und die größte Kursbewegung und sind am häufigsten die verlängerte Welle einer Serie.
Zwei Schärfungen für den Devisenmarkt. Erstens: Die dritte Welle ist fast immer steiler als die erste, oft nahezu senkrecht — und sie sollte sich nicht an eine Trendlinie schmiegen, die vom Ursprung der Welle 1 zum Ende der Welle 2 gezogen wird. Zweitens: Ihr Schub wird regelmäßig mit einem fünftwelligen Endschub verwechselt. Das einzige brauchbare Unterscheidungsmerkmal ist die Aktivität:
| Beobachtung | Wahrscheinliche Einordnung |
|---|---|
| vertikale Bewegung bei außergewöhnlich hoher Aktivität | dritte Welle, möglicherweise verlängert |
| vertikale Bewegung bei geringerer Aktivität als der | fünftwelliger Endschub |
vorangegangene Impuls
Welle 4 — Erosion unter der Oberfläche
Vierte Wellen sind in Tiefe und Form die berechenbarsten Wellen des Zyklus, weil sie sich nach der Richtlinie der Alternation von der vorangegangenen zweiten Welle desselben Grades unterscheiden müssen. Meistens verlaufen sie seitwärts und bauen die Basis für die abschließende fünfte Welle. Unter der Oberfläche bilden die schwächeren Paare desselben Blocks bereits jetzt ihre Extreme aus — diese beginnende Zersetzung bereitet die Schwächezeichen der fünften Welle vor.
Für den Devisenmarkt gilt bei der Alternation eine bewusste Abweichung von der Lehrbuchfassung: Im FX greift das Prinzip stärker über das Ausmaß als über das Muster.
| Welle 2 hat korrigiert | Erwartung für Welle 4 |
|---|---|
| 61,8 % oder mehr | 38,2 % oder weniger |
| nur 38,2 % | eher 23,6 % oder 50 % |
Welle 5 — Optimismus ohne Substanz
Fünfte Wellen sind hinsichtlich der Marktbreite immer weniger dynamisch als dritte und zeigen meist auch eine geringere Höchstgeschwindigkeit der Kursänderung. Ausnahme: Ist die fünfte Welle eine Verlängerung, kann die Geschwindigkeit in ihrer inneren dritten Welle die der übergeordneten dritten Welle übertreffen. Das typische technische Merkmal ist die Momentum-Divergenz: Der Kurs macht ein neues Extrem, der Oszillator nicht. Die Stimmung erreicht ihr Extrem, während sich die Marktbreite verengt — dieser Widerspruch ist die fünfte Welle.
Die Korrekturwellen im Kurzprofil
- Welle A wird fast immer als bloßer Rücksetzer im alten Trend gedeutet. Ihre Struktur verrät bereits die kommende Korrekturform: Läuft A fünfwellig, ist ein Zigzag wahrscheinlich; läuft A dreiwellig, deutet das auf Flat oder Triangle (Module 3 und 4).
- Welle B ist die trügerischste Bewegung des Zyklus: selten technisch stark, schmal getragen, praktisch immer dazu bestimmt, von Welle C vollständig zurückgenommen zu werden. Faustregel: Wenn du dir selbst sagst „mit diesem Markt stimmt etwas nicht", ist es sehr wahrscheinlich eine B-Welle.
- Welle C wirkt wie eine dritte Welle: fünfwellig, breit, ohne nennenswerte Gegenwehr.

Der Zeitanteil — mit Konsequenz
Wie du damit arbeitest: die Doppelprüfung
1. Die Struktur: Fünf oder Drei auf der Ebene darunter? 2. Die Persönlichkeit: Passen Aktivität, Breite und Stimmung zu der Welle, die ich hier
Eine Zählung, die strukturell zulässig ist, aber psychologisch nicht passt — etwa eine „Welle 3" ohne Aktivitätsausweitung und ohne Anschlussdynamik — ist fast immer die schlechtere von zwei Zählungen. Diese Doppelprüfung ist der Kern dessen, was erfahrene Analysten das „richtige Aussehen" einer Welle nennen.
Die Wellenpersönlichkeit war für mich der Punkt, an dem Elliott aufgehört hat, ein Rätsel zu sein. Vorher habe ich Formen gesucht. Heute frage ich zuerst: Fühlt sich der Markt an wie eine Dritte — oder wie eine Fünfte, die sich noch einmal aufbäumt?
Wissenscheck
1. Aus wie vielen Wellen der nächstniedrigeren Ebene besteht ein vollständiger Impuls?
2. Welche Aussage über die Unterwelle 3 eines Impulses ist korrekt?
3. Du hältst eine Bewegung für Welle 3, findest auf der Ebene darunter aber eine klare Drei. Was folgt?
4. Ein Markt vollzieht eine fast senkrechte Bewegung. Woran unterscheidest du dritte Welle und fünftwelligen Endschub?
5. Welle 2 hat 61,8 % von Welle 1 korrigiert. Welches Retracement erwartest du für Welle 4?
6. Wahr oder falsch: „Welle 3 muss immer die längste Aktionswelle sein."
